[#17Ziele] Poetry Slam Finale Berlin – Rainer Holl


Morgens früh, wenn ich im Bett lieg, muss ich mich meist erst einmal strecken und die Strecke zwischen mir und meinem Smartphone überbrücken. Denn mein Smartphone ist sehr neu und hat recht viel modernen Murks, aber leider ist wie immer seine Ladeschnur zu kurz. Na toll, Danke Merkel! Mir geht’s nicht nur mehr schlecht als recht,
mir geht es auch mit Recht, recht schlecht. Ich meine echt jetzt. Der Stresstest der Whackness beginnt schon beim Breakfast, wo sich die Erkenntnis in meinem Kopf festsetzt, das ein paar Dinge gut, aber das meiste echt schlecht ist. Denn mein Kaffee ist zu bitter und die Bohnen
schlecht geröstet. Meine Butter nur mit „gut“ von Stiftung
Warentest getestet. Das Radioprogramm durch schlechte Popmusik
verpestet, denn es läuft ausschließlich der Scheiß
von früher und das Mieseste von heute. Zwischendurch auch mal’ne Meldung über
irgendeine Nazi-Meute, die allgemeine Räude, und erneute Versäumnisse
der Leute in Berlin. Es ist ein Kanon der geplatzten Träume und
wenn ich das richtig deute, gibt es heute wieder nichts als dünnhäutige
Beteuerungen, scheue Werbungen über zweifelhafte Neuerungen
auf dem Mobilfunkmarkt. Ich fühle mich labil und trab ins Bad
und rasiere meinen Bart, den ich nicht hab, ab. Es ist ein Morgen wie jeder andere. Hoffnungen und Sorgen finden wieder zueinander. Um mich von all dem zu erholen, geh ich erstmal ins Café. Aber auch hier ist alles irgendwie ein riesiges Klischee. Denn der Schaum an meinem Cappuccino scheint mir etwas dünn. Und ich glaube, dass ich hier auch schon mal netter bedient worden bin. Und überhaupt was für ein Laden ohne ruckelfreies WLAN. Nur die Bagel, die sind lecker. Aber leider auch nicht vegan. Ich seh’ mein Leben in Millionen bunten Farben. Es ist ein Technicolor Dream.
Doch ich fühle mich gefangen Baby, gimme what I need. Aber, wenn ich meine Chipstüte nicht öffnen kann, weil ich zu fettige Finger habe, von der Chipstüte, die ich davor bereits verzehrt habe,
dann macht mich das traurig. Und wenn ich dann ganz plötzlich einen Dip-Chip erblicke, und wenn ich diesen Dip-Chip in den Chip-Dip dippe, und wenn der Chip dabei zerbricht und ich vorm Chip-Dip wippe, dabei nervös nicke, einen weiteren Chip erblicke, und diesen dann zu Rettung meines Chip-Dips schicke und dieser fucking Chip-Dip-Rescue-Chip dann auch kaputt geht, dann ist genug!
Also bitte verzeiht mir den ganz kleinen Rant hier. Ich will auch keinen Neid sähen, aber habt doch ein Einsehen. Ich meine, ich bin weiß, hetero, männlich, Westeuropäer. Ich muss mich ja auch mal über irgendwas aufregen dürfen! Oder? Oder nicht? Ach, wir haben weitaus größere Probleme zu lösen? Ja, das stimmt, ja. Aber das wissen wir doch auch
nicht erst seit gestern, oder? Und wer ist überhaupt wir?
Ich, du, der Staat? Das Mantra für die Verbraucher(innen) von heute lautet: konsumiere nachhaltig. Rette das Klima mit deinen bewussten Kaufentscheidungen. Aha, geile Idee. Die Verbraucher sollen den Planeten retten mit Konsum. Mega. Da kann nichts mehr schief gehen – eigentlich. Ist doch alles super.
Laut einer Studie können die wirtschaftlichen Erträge weltweit derzeit mehr als
12 Milliarden Menschen ernähren. Klingt auch megageil. Schade ist nur, dass weltweit mehr als 800 Millionen Menschen hungern. Schade ist, dass wir in Deutschland pro Kopf rund 80 Kg Essen pro Jahr wegwerfen. Schade, aber es kann nicht immer alles klappen. Aber was machen die Regierungen? Mal schauen.
65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht und es werden täglich mehr.
Nicht, weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie müssen. Und ja, es sind auch Wirtschaftsflüchtlinge. Und ja, es sind ziemlich viele Wirtschaftsflüchtlinge, weil sie es müssen.
2015 flossen 410 Milliarden an Devisen von Geflüchteten in ihre Heimatländer.
Das ist mehr als das zweieinhalbfache der weltweiten Subventionen für sogenannte
Dritte Welt Länder. Schade eigentlich. Was macht die EU, um das Problem zu lösen? Nun ja.
Sie baut sukzessive eine private Armee als Schutzwall auf? Frontex, das ist die Vorbereitung auf den Ernstfall. Der Ernstfall, das ist eine massive Wasserknappheit
in vielen afrikanischen Ländern. Der Ernstfall, das sind Eisschmelze an den
Polen, Ausbreitungen der Wüsten, Auslaugen und Auschrumpfen der fruchtbaren Böden,
Versauerung der Meere, Abholzung der Regenwälder, Reduzierung der
Artenvielfalt, Ausbeutung der Bodenschätze. Ich lasse die soziale Ungerechtigkeit, die Kinderarbeit und mangelnde Frauenrechten, mal an Seite. Ich will euch nicht überfordern.
Also ja! Nein. Coffe to go ist scheiße, aber nervt mich nicht mit irgendwelchen
bescheuerten Kampagnen für Mehrwegbecher und den verlogenen Weg der kleinen,
alltäglichen Veränderungen, die über die Zeit das große ganze Bild neu ordnen werden.
Dieser Weg ist verbaut. Diese Chance ist vorbei. Was jetzt noch helfen könnte, falls überhaupt sind Verbote. Und ich hätte nie gedacht, dass ich so einen Scheiß mal sagen muss. Aber wir brauchen vielleicht radikale Lösungen.
Zum Beispiel die hier: Das Beste was man für seine zukünftigen
Kinder antun kann, ist sie nicht zu kriegen. What? Ja, das spart 60 Tonnen Co2 pro Jahr.
Das heißt, ihr könnt mit eurem fucking Hummer in den fucking Golfclub in die fucking Wüste fahren und habt immer noch mehr für das Klima und gegen die Überbevölkerung des Planeten getan. Sheesh. Vor allem ersparst du ihnen einen Kampf zu
führen, den wir alle schon verloren haben. Denn eines steht fest. Jedes Kind das in diese
Welt kommt ist entweder unterdrückt oder selbst ein Unterdrücker. Und wenn ihr
nicht wollt, dass es irgendetwas davon ist, dann lasst es lieber gleich sein.
Das ist Nachhaltigkeit zu Ende gedacht. Aber das kann man keinem erzählen.
Das ist ein bisschen radikal. Das ist ein bisschen extrem.
Schade eigentlich. Aber wisst ihr, was ich extrem finde? Im Jahr 2050 gibt es keine
Fische mehr im Meer, dafür aber ziemlich viele Milliarden Tonnen an Plastikmüll. Das dürfte eine interessante Unterhaltung mit den Kindern geben. Ihr seht, das Thema ist schwierig, es ist komplex, es ist traurig.
Also bleibe ich weiter auf meiner Couch sitzen und stell mir lieber die Frage, ob ich
mich eher darüber aufregen soll, dass meine Hand zu fett oder vielleicht doch die
Pringles Dose zu eng ist. Das ist zwar moralisch verwerflich, aber ich bleib Optimist, wenn auch auf niedrigem Niveau. Schade eigentlich.

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